Wissen junge Energiemanager mehr als Hausmeister? Und mehr als der Lehrplan verlangt? Einblicke in den täglichen Kampf um Rationalität und eine offene Gesellschaft

plakat_was_machen_wir01Eigentlich müssten sie natürliche Verbündete sein – die Schülerinnen und Schüler, die in den „Köpfchen statt Kohle“-Schulen als junge Energiemanager unterwegs sind, und die Schulhausmeister. Beide wollen eine energieeffiziente Schule, die gute Lernbedingungen bietet. In elf der beteiligten Schulen teilen sich Schüler und Hausmeister diese Aufgabe ganz offiziell, denn dort steht den Energiemanagern derselbe Steuerungscomputer für die Heizung zur Verfügung, den auch der Hausmeister hat. Nach einer Einführung in die Logik der sogenannten „zentralen Einzelraumsteuerung“ machen sich die Schülerinnen und Schüler daran, die Situation in den beheizten Klassenräumen, Toiletten, Fluren, Treppenhäusern und den Nebenräumen der Schule zu analysieren und zu verbessern.

Dabei stoßen sie u.a. auf folgende Sachverhalte, die sie teilweise am Computer selbst verbessern können, teilweise als Problemfall an die zuständigen Stellen – Bauverwaltung und technische Fachleute – weiterleiten müssen:

  • zu lange Heizzeiten, weil manche Hausmeister glauben, sie müssten selbst „vorheizen“, obwohl die Berechnung der Vorheizzeiten ja der Computer übernimmt
  • zu lange Heizzeiten, weil die sehr langsame Abkühlung von Klassenräume nach dem Heizende eine Abschalten der Heizung bereits vor dem Unterrichtsende zulässt
  • Beheizung von Nebenräumen wie Fluren, Toiletten und Treppenhäusern auf 20 Grad
  • Durchheizen auch in den großen Hofpausen, die eigentlich der gründlichen Durchlüftung der Klassenräume dienen sollen
  • viel zu lange Aufheizzeiten, die auf technische Probleme in der Anlage wie z.B. ungünstige Druckverhältnisse schließen lassen
  • hohe Temperaturen auch außerhalb der eigentlichen Heizzeiten, die teilweise auf defekte Ventile zurückzuführen sind
  • zu hohe Minimaltemperaturen – in manchen Schulen werden auch nachts und am Wochenende 18 Grad aufrechterhalten, obwohl 15 Grad ausreichend wären.

energiemanager_steuern_02Dass es aus Hausmeistersicht verständlich ist, möglichst großzügige Heizzeiten und im Zweifel auch Warmtemperaturen von 22 Grad – also zwei Grad über der Norm aus der Arbeitsstättenverordnung – einzustellen, leuchtet den Energiemanagern zwar ein. Denn über zu warme Räume beschwert sich keine Lehrkraft beim Hausmeister, denn dann macht man eben das Fenster auf. Aber angeblich zu kalte Räume führen schnell zu Beschwerden. Nun ist der Auftrag, den die jungen Energiemanager haben und der sie motiviert, aber ein anderer – sie wollen Energie einsparen und dafür sorgen, dass notwendige Reparaturen, die die Steuerbarkeit der Heizung verbessern, auch gemacht werden. In vielen der „Köpfchen statt Kohle“-Schulen können Hausmeister und Energiemanager mit ihren unterschiedlichen Perspektiven gut umgehen. Dort redet man miteinander, tauscht sich aus und nimmt sich gegenseitig ernst.

Aber nicht immer klappt das so einfach. Es gibt auch Schulen, wo der Hausmeister Veränderungen am Heizprogramm, die die Schüler vorgenommen haben, einfach wieder rückgängig macht, ohne die Schüler zu verständigen. Die Energiemanager reagieren dann, indem sie ihre Vorschläge kommunizieren wie die untenstehende Collage zeigt. Das praktische Problem ist, dass viele der Energiemanager-Teams sich am Nachmittag nach 14 Uhr treffen, wenn die Hausmeister in der Regel schon Feierabend haben. Was tun?

fuer_den_hausmeister_collage

energiemanager_mit_schulleiter_01In der Klecks-Grundschule haben die Energiemanager deshalb die Schulleitung darum gebeten, einmal gleich zu Unterrichtsbeginn eine Versammlung der Klassensprecher einzuberufen, zu der auch der Hausmeister eingeladen wird. Die Versammlung hat auch geklappt, es waren sogar Eltern von Energiemanagern mit dabei. Für Schulleiter Niklas Stratenwerth (auf dem Bild rechts zusammen mit seinen Energiemanagern) war das Meeting erfolgreich, denn er habe jetzt noch genauer verstanden, worum es den Energiemanagern gehe. Die Idee, die Heizung möglichst schon eine Weile vor Unterrichtsschluss auszustellen, weil die Räume in seiner gut gedämmten Schule erst sehr langsam auskühlen, begrüßte er ausdrücklich. Den Hausmeister konnte man freilich noch nicht überzeugen, er möchte nicht, dass die Schüler selbst Einstellungen am Heizprogramm verändern. Die Energiemanager werden deshalb erst einmal die Situation nur analysieren, Verbesserungsvorschläge machen und auf Problembereiche hinweisen. Sie wollen das in den nächsten Monaten sehr intensiv machen. „Dann nerven wir halt auf diese Weise“, kündigten sie an. Auch das ist praktisches Lernen in Sachen Demokratie und Partizipation.

powerhouse_18xWenn es manchmal den Anschein hat, als ob die jungen Energiemanager in den Grundschulen mehr wissen und auch mehr wollen als manche Erwachsenen, so ist dieses Mehr-Wissen-Wollen auf jeden Fall auch spürbar gegenüber dem Lehrplan der Grundschulen. Verstehen zu wollen, was Energie ist, wie Energieumwandlungen stattfinden und vor allem auch, was erneuerbare Energien und Zukunftstechniken sind, motiviert die Energiemanager ganz besonders. Faktisch können die Projektbetreuer dabei auf wenig Vorwissen aufbauen, weil der naturwissenschaftliche Unterricht („Nawi“) in den Grundschulen überwiegend im Bereich der Biologie stattfindet, Physik und Chemie spielen eine sehr untergeordnete Rolle. Im einschlägigen Schulbuch für die Berliner 5. und 6. Klassen wird man im Sachregister die Begriffe „Strom“ oder „Generator“ vergeblich suchen.

powerhouse_6b_01Deshalb haben die „Köpfchen statt Kohle“-Betreuer eigene Konzepte entwickelt, um mit Hilfe von Experimentierkästen wie dem „Power House“ (KOSMOS) oder wasserstoffbetriebenen Modellfahrzeugen die Begeisterung und Lernbegierde der Schülerinnen und Schüler für Energiethemen zu unterstützen. Das geht freilich nicht, ohne den einfachen Teilchenbegriff, mit dem normalerweise Sechstklässler aus der Grundschule kommen, aufzubrechen und Atomkerne und Elektronen zu unterscheiden. Elektrischen Strom kann man nicht verstehen, wenn man den Charakter von Elektronen nicht modellhaft erfasst hat. Die Schulen, die sich bei „Köpfchen statt Kohle“ beteiligen, wünschen sich deshalb auch immer wieder für ganze Klassenstufen Projekttage und -wochen, in denen das Energiethema praktisch und experimentell vermittelt wird. Diejenigen Schülerinnen und Schüler, die auch im Energiemanager-Projekt aktiv sind, fallen dabei meistens durch ihr bereits vorhandenes Energiewissen auf. Aber alle Schüler zeigen bei dieser Gelegenheit ein enormes Interesse und wollen z.B. partout verstehen, warum im Siliziumgitter einer Solarzelle auch Phosphor- und Bor-Ionen eingebaut werden.

collage_energie_verstehen

WEITERE KURZNACHRICHTEN

thermostat_fixieren_01Am Ball bleiben: Die Energiemanager in der Grundschule am Hohen Feld kommen Schritt für Schritt bei der Fixierung von Thermostatventilen voran. Da es an dieser Schule keine zentrale Heizungssteuerung gibt, müssen alle frei drehbaren Thermostate einen Begrenzungsstift bekommen, damit sich nicht immer wieder zu hoch – auf Stufe 4 oder 5 – eingestellt werden. Derzeit sind die Flure für die Umstellung dran. Die Energiemanager an dieser Schule rekrutieren sich aus den vierten Klassen. Da einige der Kinder aus dem letzten Jahr weitermachen, sind jetzt auch Fünftklässler dabei – und nächstes Jahr vielleicht dann auch Sechstklässler.

freies_experimentieren_01Wenn Energiemanager das Energiezentrum im Havemann-Gymnasium nutzen, bauen sie dort meistens Solarmodelle. Es gibt aber noch mehr Möglichkeiten für Grundschüler, dort experimentell Energiewissen zu erwerben. In einem Energielabor sind einige Versuche zu Elektrizität, Sonnen- und Windenergie und Energieumwandlungen aufgebaut. Die „Köpfchen statt Kohle“-Betreuer stellen fest, dass freies Experimentieren die Kinder am meisten motiviert. Projektleiter Richard Häusler würde sich noch viel mehr Material und Freiraum dafür wünschen: „Experimente, bei denen die Schüler nicht vorgegebene Wege gehen müssen, sondern eigene Versuche anstellen können und selbst auf Fragen stoßen, haben eine ungeheure Motivationskraft“, stellt er fest. Wenn man die Schüler dabei begleitet, ließen sich sehr viel nachhaltigere Lernerfolge erzielen als mit konventionellem Unterricht, ist er überzeugt.

energiemanager_mit_zertifikaten01Als Ansporn empfand die neue Energiemanager-Generation der Trelleborg-Grundschule den Besuch einiger „geprüfter“ Energiemanager aus dem letzten Schuljahr. Die Leitende Erzieherin Corinna Zepernick überreichte den Energiemanagern aus dem letzten Jahr ihre Zertifikate, nachdem das zum Schuljahresende nicht mehr geklappt hatte. Der Motivationserfolg war einige Wochen später bereits spürbar – die meisten der Neuen haben inzwischen den Theorietest für Energiemanager bereits absolviert.

interview_im_freien_01Besuch bekamen auch die Energiemanager der Grundschule unter den Bäumen – von einem Journalisten. Ralf Hutter (auf dem Foto rechts) wollte sich einen direkten Einblick in die Arbeit von „Köpfchen statt Kohle“ verschaffen, um im Januar dann in der Kindersendung „Kakadu“ des Deutschlandradios darüber zu berichten. Die Energiemanager zeigten dem Journalisten auch ihren bisher größten Erfolg, die Sanierung der beiden Giebelwände der Schule, die sie durch ihre Wärmebildaufnahmen im letzten Winter in Gang gesetzt haben.

powerhouse_djh_14Das experimentelle Lernkonzept zu erneuerbaren Energien, das bei „Köpfchen statt Kohle“ rund um das „Power House“ von Kosmos entwickelt worden ist, hat jetzt auch das Interesse des Deutschen Jugendherbergsverbands gefunden. Projektleiter Richard Häusler ist auf eine Tagung der Nachhaltigkeitsbeauftragten der deutschen Jugendherbergen nach Garmisch-Partenkirchen eingeladen worden, auf der sich acht Jugendherbergsleiter das Konzept erläutern ließen, um es auch praktisch zu erproben und künftig in das Angebot ihrer Häuser aufzunehmen.

Über Richard Häusler

Projektleiter des Projekts "Köpfchen statt Kohle" im Auftrag des Bezirksamts Pankow
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