So funktioniert „Klasse Klima“ – Großer Andrang von jungen Energiemanagern in der Homer-Grundschule – Ein Horterzieher war der erste „Kunde“

energiemanager_information_02_WEBSchon am ersten Tag kamen acht Schülerinnen und Schüler aus den Klassenstufen 3 bis 5 – Lana, Finn und Jacob waren perplex. Die drei jungen Energieexperten, die seit Wochen die Aktion „Klasse Klima“ in ihrer Schule vorbereiten, hatten am Vormittag für ihr Projekt gegen Energieverschwendung geworben. Im Halbstunden-Rhythmus waren die dritten bis fünften Klassen vor dem großen Monitor in der Eingangshalle der Schule erschienen, um sich zusammen mit ihren Lehrkräften erklären zu lassen, wie die Homer-Grundschule im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg künftig Heizenergie sparen will (siehe Foto). „Die Kosten für Heizenergie sind ein Vielfaches dessen, was wir an unserer Schule für Strom benötigen“, erklärte Finn aus der 6b anhand einer Grafik, die gerade auf dem Bildschirm hoch über den Köpfen der Schüler flimmerte.

energiemanager_information_06_WEBIn einer kurzen Einführung in die Temperatur-Messtechnik vermittelten die Viertklässler Jakob und Lana den Mitschülern den Unterschied zwischen Oberflächen- und Luftmessung. Mit dem Luftthermometer prüfen die Schüler in ihren Klassenräumen, ob die am Zentralcomputer eingestellten Temperaturen tatsächlich im Raum ankommen. Mit der Oberflächenmessung kommen sie defekten Heizkörperventilen auf die Spur, die sich nicht mehr regeln lassen, weil sie entweder ständig geöffnet oder geschlossen sind. Dass so etwas durchaus vorkommt und bisher anscheinend völlig unbeachtet geblieben war, zeigte sich bei der anschließenden Besichtigung der Steuerzentrale für die Heizung, die sich neuerdings nicht mehr nur im Hausmeister-Büro befindet, sondern auch im Zugriffsbereich der Schüler. In der Homer-Grundschule wurde in einem kleinen Computerraum ein eigener Computer aufgestellt, der Echtzeitzugriff auf die Heizungseinstellungen aller Klassenräume hat und von den jungen Energiemanagern selbst bedient werden kann (siehe Foto).

heizkurven_bioraum01_WEBBeispiel Unterrichtsraum Biologie: In Erstaunen versetzte die Schüler der 5c die Messkurve des Heizungscomputers für den Bio-Raum, in dem es ihnen immer zu warm ist. Als sie gelernt hatten, die Kurve (siehe Foto) zu lesen, schüttelten sie den Kopf. Obwohl angeblich den ganzen Tag über kein Heizungsventil öffnet, hat der Raum von früh bis spät ein Temperaturniveau von 25 Grad Celsius! Die im System eingestellten 21 Grad Wunschtemperatur werden also weit übertroffen. Wie kann das sein. „Wahrscheinlich sind die Heizungsventile defekt“, schlug Finn vor und erklärte, was der erste Job der künftigen Energiemanager aus der 5c sein wird: Die Heizkörper einen Tag lang zu messen, dann mit dem Hausmeister über das Problem zu reden und ihn zu überzeugen, eine Reparaturmeldung an das Schulamt zu schicken. Nur ein Techniker kann überprüfen, ob die Heizungsventile tatsächlich kaputt sind oder nicht vielleicht der Temperaturfühler im Raum – oder ob es noch andere Ursachen geben kann. Aber eins ist klar: Das Problem muss gelöst werden, wenn die Energieverschwendung beendet werden soll, die ja außerdem die Ursache für schlechtere Lernbedingungen im Bio-Raum ist.

energiemanager_test_01_WEBUm solche Zusammenhänge zu durchschauen, müssen sich die jungen Energiemanager zusätzliches Wissen, analytische Kompetenzen und Problemlösefähigkeiten aneignen. In der Homer-Grundschule geschieht dies im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft, die sich immer am Donnerstagnachmittag von 14:30 bis 16:00 Uhr trifft. Betreut wird sie von den drei „Pionieren“ in Sachen Energie, Finn, Lana und Jakob, sowie dem Projektleiter von „Köpfchen statt Kohle“, Richard Häusler. Obwohl Finn bei den Vorführungen auf dem Schulhausflur nicht mit den hohen Anforderungen an die Energiemanager hinter dem Berg gehalten hat, gibt es Klassen, in denen sich gleich sechs Kinder melden, die Energiemanager werden wollen. Maximal drei pro Klasse können jedoch die Chance bekommen. Silvan hatte Glück, er wurde in seiner Klasse, der 5c, unter den sechs Bewerbern ausgelost. Am Donnerstagnachmittag stürzte er sich gleich auf die 30 Prüfungsfragen in dem 17-seitigen Testbogen. Wer in den nächsten Wochen alle Fragen richtig  beantworten kann und auch in der Praxis zeigt, dass er oder sie mit der Heizungssteuerung umgehen und die eigene Klasse in die Entscheidungsprozesse einbinden kann, bekommt ein offizielles Zeugnis der Schulverwaltung – und ein schwarzes T-Shirt mit dem Schriftzug „Energiemanager“. Silvan hat schon am ersten Tag auch den Praxistest bestanden. Er hat nämlich die Chance genutzt, als ein Horterzieher zur Tür hereinkam und sein Problem schilderte. In einem Hortraum sei es nämlich zu bestimmten Zeiten zu kalt. Zusammen mit Finn zeigte Silvan dem Hortner, welche Einstellungen man am Heizungscomputer verändern kann, um das Problem zu lösen. Mit einigen Mausklicks war es erledigt. Der Erzieher zog beglückt von dannen und Silvan strahlte: „Das war unser erster Kunde!“

Unterdessen hatte Xenia aus der 3c von Lana die Ausdrucke der Heizkurven für ihren Klassenraum erhalten und sich darüber zusammen mit ihren Mitschülern Floyd und Noah Gedanken gemacht. „Warum ist es schon um 5:00 Uhr 21 Grad? Reicht es nicht auch, wenn es um 8:00 Uhr warm ist?“, schreibt sie gleich auf das Blatt mit der Heizkurve, so dass man den Zusammenhang sofort erkennt (siehe Foto unten). Mit dieser Frage will sie in ihre Klasse gehen und mit ihren Mitschülern und der Lehrkraft darüber entscheiden, ob der Versuch gemacht werden soll, die Heizzeiten statt um fünf Uhr morgens erst um sieben Uhr beginnen zu lassen. Und eine weitere Frage hat sich Xenia auch gleich überlegt: Sie möchte wissen, ob statt der eingestellten 21 Grad nicht auch 20 Grad als Obertemperatur reichen. Denn in den Unterlagen zur Energiemanager-Prüfung hat sie gelesen, dass dies der offizielle Normwert für den „Arbeitsplatz Schule“ ist.

analyse_heizkurven01_WEB

energiemanager_kernteam_mit_schulleiter02_WEBAuch wenn es für Finn, Lana und Jakob keine leichte Aufgabe war, auf einen Schlag gleich acht neue Energiemanager einführen zu müssen, nehmen sie die Herausforderung an. „Um alle Klassen ab der 3. Stufe zu erreichen, brauchen wir 20 bis 30 Energiemanager“, hat Finn ausgerechnet. Schulleiter Uwe Blachnik unterstützt die Aktion, die er dauerhaft in seiner Schule etablieren will. Und er ist stolz auf das Dreierteam, dem es gelungen ist, jetzt die ganze Schule für das Thema zu begeistern. Unser Foto zeigt ihn zusammen mit den Dreien vor ihrem Arbeitsplatz am Heizungscomputer.

Über Richard Häusler

Projektleiter des Projekts "Köpfchen statt Kohle" im Auftrag des Bezirksamts Pankow
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