CO2-Messung stößt bei Lehrkräften auf Interesse – Lernwerkstatt eröffnet – „Köpfchen statt Kohle“ bald auch in Sachsen-Anhalt?

co2_aussenluft_messung01„Lassen Sie mir doch bitte ein CO2-Messgerät den Winter über hier!“ So verabschiedete uns die Lehrerin Ragnar Binger in der Grundschule am Moselviertel, nachdem wir dort mit einer fünften Klasse an zwei Projekttagen praktische Energiebildung betrieben hatten. Die Schülerinnen und Schüler haben dabei auch unter Einsatz von Messgeräten selbst herausgefunden, wie viel Kohlendioxid in der Außenluft ist (siehe unser Foto) und wie viel sich im Klassenraum während des Unterrichts ansammelt. Nicht nur für die Schüler ist es immer wieder eine große Überraschung, wie schnell die Luft schlecht wird, wenn geheizt wird und gut 20 Schulkinder in der Klasse dem Unterricht folgen. Die Messampel klettert dann meistens schon nach einer Viertelstunde in den gelben und vor Ablauf einer Unterrichtsstunde in den roten Bereich.

Ab 1.000 ppm, das liegt im gelben Bereich, sollte bereits gelüftet werden, um gute Lernbedingungen zu haben – eine Herausforderung, die auch für die Lehrkräfte motivierend ist. So wie Ragnar Binger nutzen inzwischen viele Lehrkräfte an „Köpfchen statt Kohle“-Schulen die Messtechnik, um im Zielkonflikt zwischen angenehmen Temperaturen und niedrigen CO2-Werten ein praktikables Optimum zu finden.

stiftemappe_des_energiemanagers01aIn allen Schulen, in denen junge „Energiemanager“ unterwegs sind, die selbst die Heizungssteuerung übernehmen, gehört die CO2-Messung ab diesem Schuljahr quasi zum Pflichtprogramm. Tobias Berger, der als Lehrer die Energiemanager-Gruppe an der Homer-Grundschule begleitet, hat unter allen seinen Kollegen eine Umfrage gestartet, um herauszufinden, wie viele CO2-Messgeräte in den nächsten Wochen benötigt werden, um optimales, die Luftqualität verbesserndes und Energieverschwendung vermeidendes Lüftungsverhalten zu trainieren. Denn in vielen Schulen versucht man das Problem immer noch mit dauerhaft gekippten Fenstern zu lösen. Mit der CO2-Ampel erkennen die Schüler, dass der Effekt, der dadurch für eine Luftverbesserung erzielt wird, meist sehr gering ist. Die verschiedensten Messgeräte gehören inzwischen ja zur Grundausstattung der Schüler, die bei „Köpfchen statt Kohle“ mitarbeiten, so dass man die jungen Energiemanager manchmal auch schon an ihrer Stiftemappe erkennt (siehe Bild oben). Messgeräte prägen das Arbeitsfeld in den Grundschulen, die intensiv bei „Köpfchen statt Kohle“ mitarbeiten.

messgeraete_vergleich01

Gleich vier Pankower Grundschulen steigen in diesen Tagen neu in die Ausbildung von Energiemanagern ein:

  • Die Grundschule unter den Bäumen, wo acht Schüler sich im nachmittäglichen Hortprogramm des Schülerclubs zusammenfinden, um gemeinsam mit ihrem Erzieher Martin Biermann aktiv zu werden
  • gruppenbild01Die Grundschule am Wasserturm, in der sich 12 Kinder jeden Mittwochvormittag für zwei Stunden treffen, um Energiemanager zu werden; u.a. anderem werden sie von Andreas Stein unterstützt, der sich gut mit den Computern auskennt, die die Schüler für ihre Arbeit einsetzen werden
  • Die Trelleborg-Schule startet mit dem Projekt im naturwissenschaftlichen Unterricht, um daraus dann eine kleine Gruppe von Energieaktivisten zu gewinnen, die sich ebenfalls jede Woche trifft
  • Die Grundschule an der Marie, wo ebenfalls 12 Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Klassen jeden Donnerstagmorgen zwei Stunden im Projekt arbeiten werden; unser Bild unten zeigt zwei der Schüler bei Übungen mit dem Infrarot-Messgerät zur Temperaturmessung.

Zusammen mit den drei Schulen, die bereits seit dem letzten Jahr dauerhafte Schülerprojekte haben, in denen Energiemanager aus den Klassen 3 bis 6 ausgebildet und eingesetzt werden, sind gut hundert Schüler bereits im Dauereinsatz an Pankower Schulen, um im Winter die Energielecks ihrer Schulen zu stopfen und alle Klassen an einem Energiemanagement zu beteiligen, das geeignet ist, die Energieeffizienz in den Schulgebäuden merklich zu verbessern und damit einen Beitrag zur Energiewende zu leisten. Die drei Vorreiter-Schulen haben durchaus unterschiedliche Wege beschritten, um ihrer neuen Aufgabe gerecht zu werden. Für die Projektleiter von „Köpfchen statt Kohle“ ist dies die Bestätigung dafür, dass man nicht nach Schema F vorgehen kann, sondern die besonderen Bedingungen jeder einzelnen Schule berücksichtigen muss. Das sind die Kurzporträts der drei „Pionier“-Schulen, die alle mit ihrem Stil erfolgreich sind:

viel_zu_organisieren_02Schule am Falkplatz – die Organisationssystematiker. Die Schule hat eine lange Tradition als „Umweltschule“. Durch „Köpfchen statt Kohle“ wird die Arbeit der Lehrerin Ingrid Temme jetzt seit nunmehr drei Jahren unterstützt. Die Projekte sind dadurch ehrgeiziger geworden, sie profitieren aber von der Erfahrung, die Ingrid Temme mitbringt, um mit einem kleinen Zeitbudget Schüleraktivitäten zu organisieren. Die im Energieprojekt aktiven Schüler treffen sich einmal pro Woche zwischen 7 und 8 Uhr morgens vor dem Unterricht. Ohne Organisationsdisziplin ginge es nicht. Die Bereitschaft von einem Dutzend Fünft- und Sechstklässlern, das ganze Jahr hindurch so früh aufzustehen, zeigt, dass die Disziplin hier nicht von „oben“ kommt, sondern aus den Schülern selbst heraus entsteht.

mach_mit_02Grundschule am Kollwitzplatz – die kommunikativen Kreativen. An dieser Schule haben Mitsprache und Selbstständigkeit der Schüler besonders großes Gewicht, auf Diskussionskultur wird Wert gelegt. Dementsprechend sind kommunikative Fähigkeiten und die Kreativität der Schüler besonders ausgeprägt. Auch Hausmeister Lutz Domann ist hier in die Schülerprojekte intensiv mit eingebunden. Die Schüler der Energie-Projektgruppe haben ihn deshalb längst zum „Klimameister“ ernannt. Wie keine andere „Köpfchen statt Kohle“-Schule übernehmen es hier die Schülerinnen und Schüler selbst, ihre Arbeit Schüler, Lehrern und Eltern, aber auch Politikern und Vertretern der Bezirksverwaltung zu erklären und mit Erwachsenen zu diskutieren. Sie nutzen ganz selbstverständlich Powerpoint für Präsentationen und machen auch mal einen Videofilm zum Thema Energie und Klima.

Homer-Grundschule – die Ergebnisorientierten. Hier wurde das Energiemanager-Projekt ein ganzes Schuljahr lang ausschließlich extern betreut, bevor mit diesem Schuljahr ein junger Sachkunde-Lehrer, Tobias Berger,  in die Betreuung der Gruppe mit eingestiegen ist. Vielleicht liegt es auch an der Entstehungsphase des Schülerprojekts, dass Ergebnisse für alle die zentrale Rolle spielen. „Ich mache mit, weil ich hier einmal etwas Wichtiges in der Schule selbst steuern kann“, begründete ein Schüler seine Motivation. Um dafür Anerkennung in der Schule und bei Schulleiter Uwe Blachnik zu finden, war es von Anfang an nötig, dass Ergebnisse gezeigt werden konnten. Diese Einstellung hat sich erhalten und wird von Tobias Berger weiter unterstützt (siehe Foto unten).

arbeit_am_computer

poster_headInzwischen erzeugt das „Energiemanager“-Konzept von „Köpfchen statt Kohle“ auch außerhalb Pankows immer mehr Echo. Als vor kurzem die neu gegründete Landesenergieagentur Sachsen-Anhalt (LENA) mit einer zweitägigen Veranstaltung im Umweltbundesamt in Dessau auf sich aufmerksam machen wollte, war auch Richard Häusler eingeladen, einen Vortrag über „Köpfchen statt Kohle“ zu halten. Eine sechsteilige Posterausstellung, die Schüler der Homer-Grundschule im letzten Jahr über ihre Arbeit als Energiemanager mitgestaltet hatten, wurde während der Tagung im Ausstellungsbereich gezeigt. Beim Rundgang erkundigte sich Sachsen-Anhalts Finanzminister Jens Bullerjahn ausführlich am „Köpfchen statt Kohle“-Stand und demnächst ist eine Delegation der LENA in Berlin, um sich nach Möglichkeiten zu erkundigen, „Köpfchen statt Kohle“ auch in Sachsen-Anhalt zu verankern. Der Dessauer Vortrag von Richard Häusler kann hier im Internet heruntergeladen werden.

modellbauer01a„Das Thema Energiesparen ist in Pankow mittlerweile fest verankert, auch durch die Lernwerkstatt. Hier wird es nicht nur pädagogisch vermittelt, sondern gleich in die Praxis umgesetzt.“ So sprach die Pankower Bezirksstadträtin für die Schulen, Lioba Zürn-Kasztantowicz, anlässlich der offiziellen Eröffnung der Energie-Lernwerkstatt in der Karower Robert Havemann-Schule. Ohne „Köpfchen statt Kohle“ wäre die Idee, aus den freiwerdenden Arbeitslehre-Räumen des Gymnasiums eine zentrale Modellbau- und Lernwerkstatt zum Thema Energie für alle Pankower Schulen zu machen, wahrscheinlich nicht umgesetzt worden. Deshalb lag es nahe, die Eröffnung mit dem ersten Projekt zu verbinden, das eine fünfte Klasse der nahegelegenen Schule am Hohen Feld für zwei Tage in die Lernwerkstatt brachte, wo die Schüler  Modelle für solare Energieerzeugung bauen wollten. Unter Leitung von Werkstattchef Norbert Hansen lernten die Schüler dabei nicht nur den Unterschied zwischen einem Sonnenkollektor und einer Solarzelle, sondern erwarben gleichzeitig praktische Fertigkeiten in Holzbearbeitung, Konstruktion und Energietechnik. Für die Ausstattung der Lernwerkstatt mit Modellen hat sich vor allem der Fachleiter Physik des Gymnasiums, Christian Strube, verdient gemacht, der 12.000 Euro an privaten Spenden und 5.000 Euro vom Schulamt eingeworben hat. Der Aufbau der Experimentierstationen beginnt noch vor Weihnachten. Unser Foto zeigt Werkstattleiter Norbert Hansen mit zwei Schülern und ihrem Solarmodell.

Über Richard Häusler

Projektleiter des Projekts "Köpfchen statt Kohle" im Auftrag des Bezirksamts Pankow
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